Kein Ende, eher Evolution – Zeitungskonzepte mit Zukunft
Den heutigen Journalisten wird ja eine schwere Zeit prophezeit. “Das Ende des Qualitätsjournalismus” wird des öfteren proklamiert und vorausgesagt. Aber Extreme gibt es ja immer.
Ich versuche mich mal an einer etwas vorsichtigeren Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber wo fange ich am besten an? Vielleicht beim angeblichen Problemkind selbst: Print
Hier neben mir liegt gerade Die Zeit. Einmal wöchentlich erscheinend, über 100 Seiten stark. Letzten Monat konnte man wie auch im 2. Quartal 2009 eine erneute Rekordauflage verkünden. Klingt nicht gerade nach “dem Ende” oder?
Auf der anderen Seite kämpfen natürlich viele Verlage seit Jahren mit sinkenden Auflagen. Dies ist aber meist bei Tagesaktuellen Medien zu beobachten oder hat noch ganz andere Gründe. Ganz aktuell beweist Welt Kompakt mit dem neuen Konzept das es auch 2009 im Tagesgeschäft funktionieren kann.
Meiner Meinung nach liegt der Knackpunkt vor allem in der Art der Information die geboten wird. Die Abwanderung der Konsumenten in den digitalen Sektor (Nielsen, PDF) geht mit einer akuten Forderung nach Geschwindigkeit einher. Entweder der Leser erhält also die Info noch bevor sie “kalt” ist oder sie ist uninteressant. Mit Print kommt man da einfach nicht mehr hinterher wenn man z.B. versucht mit Twitter zu konkurrieren.
Zweiter wichtiger Punkt ist die Zuwendung zum sozialen Umfeld. Infos werden vor allem aus direkten Empfehlungen entnommen die aus dem unendlichen Vorrat des Internets ausgegraben werden.
Einen Haken hat die Sache aber. Schlauer wird man nur bis zu dem Punkt, an dem man sich vom Informationsgehalt im Kreis dreht. Denn vielfach wird auch einfach redundant verlinkt und eigentlich alte Dinge als neu verkauft.
Was also tun? Ich sehe da konkret zwei Wege die offensichtlich auch in der Praxis funktionsfähig sind:
- Man macht es wie Die Zeit und bietet Content den “die Internetgemeinde” (so nenne ich sie frecherweise einfach mal um den Unterschied plakativer zu machen) nicht bieten kann. Das sind Hintergrundberichte, Detailinfos und Verweis auf Auswirkungen in einem viel größeren Dimension als man teilweise erahnen kann ohne entsprechende Kontakte. Kurz: Man liefert exklusiven Content dessen Lektüre einen wirklichen Informationszuwachs verspricht und einem höheren Ziel dient (Sozialisation).
- Man macht es wie die Welt Kompakt und verknüpft “herkömmlichen” Content mit interaktiven Features und macht die Tageszeitung zu einem kleinen interaktiven Spielplatz (QR-Codes). Etablierung eines Zusatznutzens also.
Generell würde ich sagen die Leser wenden sich von allem ab, was sie auch gratis oder selbst erreichen können. Bei den obigen zwei Wegen sind aber Privatpersonen die Hände mehr oder weniger gebunden. Denn solche Aspekte sind nur in einem größer angelegten Rahmen umsetzbar. Für mich ist das also eher eine Auslese und Verlagerung der Verhältnisse und kein “Ende”. Am Ende werden nur die sein die sich nicht neuen Verhältnissen anpassen wollen.
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Freitag, 27. November 2009 18:25
Ich finde den Titel des Eintrags sehr treffend!
Wenn man sich die Entwicklungen auf dem Zeitungssektor mal in der jüngsten Vergangenheit ansieht, so empfinde ich persönlich es so, dass sich dort über lange Zeit kaum etwas getan hat. Während das Internet mit immer höherer Geschwindigkeit vorpreschte, blieben die Zeitungen (bis auf ganz wenige Ausnahmen) auf der Stelle stehen – es fand keinerlei Entwicklung statt.
Gerne wurde das Internet als Sinnbild für Amateur-Journalismus geschimpft. Dabei hat man es aber aus meiner Sicht verpasst mal zu schauen, ob es nicht vielleicht auch Dinge gibt, die die Zeitungen von den Neuen Medien lernen könnten.
Klar, jede Zeitung bekam Ihre eigene Website, aber ein sinnvolle Verknüpfung der Medien fand nicht statt.
Ich würde ganz mutig die Behauptung aufstellen dass das auch an den Leuten lag, die zu jener Zeit für die Zeitungen verantwortlich waren. Natürlich ist es schwer sich Dingen zu öffnen, von denen man selbst keine oder nur wenig Ahnung hat. Die polarisierende “Flucht nach Vorne” ist dann zumindest aus Sicht dieser Leute verständlich.
Heute ist es glücklichweise so, dass mehr und mehr Verantwortliche die Chancen erkennen und vor allem auch nutzen. Mich persönlich wundert es, dass Maßnahmen, wie sie die Welt Kompakt kürzlich ergriffen hat, nicht früher stattfanden. Zumal ich mir noch weitreichendere Verknüpfungen vorstellen könnte, als es aktuell der Fall ist.
Ein Ende sehe ich jedenfalls auch nicht – eher einen Anfang …